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Begegnungsprojekt „Meet a Jew“: Wie lebt es sich als Jüdin in Deutschland?

„Nice to meet jew!“ – Die Jüdinnen Rosa und Karina engagieren sich ehrenamtlich und erzählen Schülerinnen und Schülern aus ihrem Alltag.

Mutmacher
  • 15.09.2020
  • Autorin Kristin Kasten
  • Fotografin Kathrin Harms
  • Lesezeit6 Min.

In dem Projekt „Meet a Jew“ geben junge Jüdinnen und Juden individuelle Einblicke in die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland. Die Begegnungen sollen Vorurteile abbauen und Stereotypen aufbrechen. Ein Besuch in der Henriette-Goldschmidt-Schule in Leipzig.

„Wer von euch hat im Alltag schon mal einen Juden kennengelernt?“, fragt Rosa, eine junge Frau im kurzen grauen Faltenrock und schwarzen Kapuzenpulli. Vor ihr sitzen 26 Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse der Henriette-Goldschmidt-Schule in Leipzig. Nur ein Schüler hebt die Hand. Rosa blickt zu ihrer Sitznachbarin Karina, „und genau darum sind wir heute hier.“ Die beiden Jüdinnen Rosa, 22, und Karina, 17, leben in Berlin und engagieren sich ehrenamtlich in dem deutschlandweiten Begegnungsprojekt „Meet a Jew“, das 2020 aus den Projekten „Rent a Jew“ und „Likrat – Jugend & Dialog“ hervorgegangen ist. Eine persönliche Begegnung bewirkt, was tausend Bücher nicht leisten können, steht auf der Homepage des Projekts. Und so gehen junge Jüdinnen und Juden in Schulen, Universitäten und Sportvereine und erzählen den Menschen aus ihrem Alltag – auf Augenhöhe.

Im Klassenraum sitzen Schülerinnen und Schüler im Kreis
Eine junge Frau mit dunklen Haaren und Brille
Eine junge Frau mit langen blonden Haaren, schwarzem Pulli und grauem Rock.

Miteinander statt übereinander reden

Heute ist die Begegnung in einem Workshop der Deutschen Gesellschaft e.V. zum Thema Antisemitismus eingebettet. Auf den Tischen der Schülerinnen und Schüler liegen Collagen. Eine beschäftigt sich mit dem Wort „Jude“ als Schimpfwort, dem Anschlag der Synagoge auf Halle, antijüdische Liedzeilen von Deutsch-Rappern. „Im Lehrplan wird das Thema Judentum oftmals im Zusammenhang mit Nationalsozialismus und Holocaust angesprochen“, sagt Rüdiger Traxler, 42, Referent der Abteilung Kultur und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft e.V., der den Workshop leitet. Auch in den Medien fände jüdisches Leben fast ausschließlich in der Berichterstattung über Antisemitismus statt. „Zwar wollen wir in unserem Workshop auch über Antisemitismus sprechen, gleichzeitig aber diesen Kreis aufbrechen und den Blick auf das Judentum erweitern.“

Zwar wollen wir in unserem Workshop auch über Antisemitismus sprechen, gleichzeitig aber diesen Kreis aufbrechen und den Blick auf das Judentum erweitern.
Rüdiger Traxler, Deutsche Gesellschaft e.V.

Heute haben die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen anonym auf Zetteln notiert. „Wir sagen immer, schreibt jede Frage auf. Es können auch Vorurteile sein. Alles was ihr denkt, glaubt, hört, damit wir darüber reden“, sagt Karina, die in ihrer Hand einen kleinen Stapel mit Zetteln hält. Durch ihre große, goldumrandete Brille blickt sie in den Stuhlkreis. „Meinen Alltag verbringe ich wie ihr“, sagt Karina gleich zu Beginn und fährt sich mit ihrer Hand durch die dunklen Locken. Schule, Mathe-Nachhilfe, Gesangsunterricht, Freunde treffen. Und welche Rolle spielt die Religion in deinem Alltag? „Ich bin nicht stark religiös“, sagt Karina und lacht, „unter uns nennen wir das Feiertagsjuden.“ Die Schülerin trägt eine zarte, goldene Kette mit einem silbernen Davidstern um den Hals. Nur einmal wurde sie deswegen angefeindet, erzählt sie, „im Starbucks sagte ein junges Mädchen plötzlich zu mir, ‚Juden mag man nirgendwo‘, ohne Grund, ohne irgendeinen Anlass. Ich war sprachlos.“ Ihre Oma möchte ihr am liebsten verbieten, den Davidstern zu tragen, „weil sie Angst vor den Reaktionen der Leute hat.“ Doch diese Angst teilt Karina nicht. Antisemitismus sei ihr nicht fremd, aber auch keineswegs alltäglich.

Eine junge Frau hält ein Blatt Papier in der Hand und spricht.

Jüdisches Leben in Deutschland bewahren

Und wie lange seid ihr schon in Deutschland? „Meine Familie ist 1996 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen“, erzählt Karina. In der Sowjetunion sei Religion verpönt gewesen. „Wenn man es nicht offen leben darf, macht man es heimlich. Und irgendwann wird das zu anstrengend und dann lässt man es ganz. So war es auch bei meiner Familie. Daher bin ich ziemlich atheistisch aufgewachsen.“ Bei Rosa, die in Berlin Psychologie studiert und ab Oktober ein Filmstudium anfängt, war das ganz ähnlich. „Was meinen Alltag heute jüdisch prägt, ist das Bewusstsein für Traditionen. Wenn ich mich vom Judentum abwende, enden an meinem Punkt 2.000 Jahre Familiengeschichte.“ Auch den Menschen, die im Holocaust gestorben sind, fühlt sich Rosa verpflichtet. Ihnen zu Ehren will sie das jüdische Leben in Deutschland fortführen. „Immer dort, wo es meinen Alltag nicht einschränkt.“ Und so geht Rosa jeden Freitag zum Schabbat in die Synagoge, obwohl sie sich selbst als ‚nicht gläubig‘ bezeichnet. „In der Synagoge sind fast nur noch alte Menschen. Wenn wir Jungen nicht mehr hingehen, gibt es die Synagogen bald nicht mehr.“ Und was machst du in der Synagoge? „Ich bete mit. Auch wenn ich nicht glaube, was ich lese, unterstütze ich das.“

Zwei Frauen sitzen auf Stühlen, eine liest in ein paar Blättern Papier, die andere spricht.

Sind denn Mitglieder deiner Familie im KZ gestorben? „Als der Krieg anfing, haben meine Urgroßeltern in der Ukraine gelebt. Wir hatten einen großen Verwandtschaftskreis. Wohlhabende Familien, die sich alles selbst erarbeitet hatten.“ Während Rosas Urgroßmutter mit ihrer Tochter nach Aserbaidschan floh, blieb der Rest der Familie zurück. „Die Deutschen haben sich in der Ukraine nicht mal die Mühe gemacht, Juden in ein KZ zu bringen. Sie haben sie einfach erschossen und in Massengräber geworfen. So ist ein Großteil meiner Familie gestorben.“

Eine Gruppe Schülerinnen und Schüler sitzt in einer Stuhlreihe und schaut ernst.

Es ist ruhig im Klassenzimmer. Kein Flüstern, kein Tuscheln, kein Rascheln. Die Sonne fällt durch die hohen Fenster. Karina ergreift das Wort und schaut auf ihren Zettel. „Jetzt nehmen wir mal eine lockere Frage.“ Was hörst du für Musik? „Ich höre alles“, sagt sie und erzählt später von ihrer großen Liebe zur Band Queen. In den sozialen Medien folgt sie amerikanischen Rappern, wie Pop Smoke, Travis Scott, Drake. Auch Rosa ist in sozialen Netzwerken unterwegs. „Ich folge Ahmad Mansour, der hat ein Buch geschrieben ‚Generation Allah‘, ich lese gerne, was er schreibt.“ Und sie schreibt selbst: Drehbücher und Texte für die jüdische Studierenden Union, in der sie sich engagiert. Später würde sie gerne pädagogische Projekte mit der muslimischen Community umsetzen – auch zum Thema Antisemitismus. Früher habe sie mit Muslimen nicht über ihre Religion gesprochen. „Aber seit ich es tue, ist die erste Reaktion immer: Ich habe nichts gegen Juden“. Rosa lächelt. „Das finde ich so cool und süß, weil sie es als sensibles Thema wahrnehmen.“

Eine Frage gefällt Rosa heute besonders gut, „weil nur selten Fragen zum Inhalt unserer Religion und ihren Werten gestellt werden.“ Gibt es Verbote im Judentum, die du unsinnig findest? „Sehr religiöse Frauen tragen Röcke bis über die Knie und bedecken ihre Arme bis über die Ellenbogen, weil sie sich bescheiden kleiden sollen. Aber ich finde es sehr fragwürdig, wenn man eine Religion auf Äußerlichkeiten reduziert. Ein bescheidener Charakter ist doch viel wichtiger.“ Trotzdem hat Rosa auch Freunde, die orthodox leben. „Wir diskutieren darüber nicht“, sagt sie, „es sind wirklich gute Menschen, die ihre Religion auf ihre Weise leben.“ Und wie können nicht jüdische Jugendliche Einblicke in den jüdischen Alltag erhalten? „Das ist nicht einfach. Ich war auf einer staatlichen Schule und war in meinem Jahrgang die einzige Jüdin.“ Rosa überlegt und lächelt, „aber wenn du einen Juden kennst, der praktizierend ist, frage ihn, ob du mit zum Schabbat kommen kannst. Alle Familien, die ich kenne, lieben es, wenn auch mal Nichtjuden dabei sind.“

„Jüdisches Leben in Deutschland“ – unter diesem Motto steht unsere aktuelle Themenwoche. Vom 14.-20. September 2020 möchten wir auf unseren Social Media-Kanälen und in unserem Online-Magazin einen kleinen Einblick in das facettenreiche jüdische Leben in unserem Land geben.

Dafür haben wir nicht nur Rosa und Karina im Rahmen des Begegnungsprojekts „Meet a Jew“ begleitet, sondern auch mit Aron Schuster, dem Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, gesprochen – über Stigmatisierung, Inspiration und das, was selten thematisiert wird: Alltägliches. Wir trafen außerdem einen Deutsch-Israeli, der vor acht Jahren zurück nach Hamburg kam – in die Heimatstadt seiner Großmutter. Seitdem lebt und arbeitet der 38-Jährige dort, recherchiert in seiner Freizeit die Geschichte seiner Familie und erzählt davon in Rundgängen, die gleichzeitig Begegnungen und Gespräche ermöglichen (das IGTV-Video findest du auf unserem Instagram-Kanal).

Dann stellen wir das Jüdische Seniorenheim Hannover, in dem lebendiges Judentum gelebt wird. Und weil am 18. September 2020 das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana beginnt, haben wir einen Rabbi gebeten, uns etwas über die Feierlichkeiten und Traditionen des Fests zu erzählen – mehr dazu erfährst du am Freitag.

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