Dialog der Generationen
Themenbeitrag

Man sagt „L’chaim“ – das heißt „Aufs Leben!“

  • 17.09.2020
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit5 Min.

Das Jüdische Seniorenheim Hannover ist das einzige seiner Art in Niedersachsen. Die Bewohnerinnen und Bewohner – etwa 80 Prozent von ihnen sind Jüdinnen und Juden – leben hier nach jüdischer Tradition. Wie der Alltag für sie aussieht, erzählten uns Pflegedienstleitung Maschah Yanovitzki, Einrichtungsleiter Lars Helbsing und die 83-jährige Bewohnerin Olga Karalnik.

„Selbst diejenigen, die krank sind, sagen zu uns: Am Freitag gehe ich aber runter“, erzählt Maschah Yanovitzki, die den Pflegedienst im Jüdischen Seniorenheim Hannover leitet. Am Freitag, da wird hier im Seniorenheim gefeiert: Mit einem Drei-Gänge-Menü und Wein – und Traubensaft für diejenigen, die keinen Alkohol vertragen. Dann sind fast alle Plätze im großen Speisesaal besetzt und die Seniorinnen und Senioren, selbst die, die nicht mehr richtig fit sind, genießen die festliche Gemeinschaft. Doch das Ganze findet nicht an irgendeinem besonderen Freitag statt – sondern jede Woche. Denn am Freitagabend beginnt der Schabbat, der wichtigste Feiertag im Judentum.

Das Schabbatbrot „Challa“
Für den Schabbat wird „Challa“ gebacken – das Schabbat-Brot.

„Es ist wirklich unglaublich! Jede Woche eine Feier mit alten und kranken Leuten“, sagt Olga Karalnik und lacht. Die 83-Jährige lebt im Jüdischen Seniorenheim Hannover, allein – ihr Mann ist vor einigen Jahren verstorben. Mit der Tochter und den Enkeln kann sie derzeit nur per Videotelefonie in Kontakt bleiben. Einsam fühlt sich Frau Karalnik aber nicht: „Hier ist es wie in einer großen Familie“, sagt sie. So backen die Frauen im Seniorenheim zum Schabbat etwa gemeinsam „Challa“. „Das ist das jüdische Schabbat-Brot“, erklärt die Seniorin. „Das machen wir alle zusammen.“

Solidarität ist für mich Hilfe für diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind – und dabei ist es ganz wichtig, dass bei der Hilfe der Bewohner oder die Bewohnerin der handelnde Mensch bleibt.
Lars Helbsing, Einrichtungsleiter Jüdisches Seniorenheim

„Bei uns wird zwar Judentum gelebt“, sagt Maschah Yanovitzki, „aber wir sind alle sehr verschieden. Unser Haus steht Menschen jeder Herkunft und Konfession offen. Wir haben auch muslimische Mitarbeitende, christliche, wahrscheinlich auch buddhistische. Und wir kommen alle sehr gut miteinander klar.“

Viele der Menschen, die heute im Jüdischen Seniorenheim Hannover leben, kamen Mitte der 90er-Jahre als sogenannte „Kontingentflüchtlinge“ nach Deutschland. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner sind mit der jüdischen Religion groß geworden, andere kennen vor allem die Traditionen – in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion galt jüdisch etwa als Nationalität und nicht als Religion. Wieder andere sind christlich aufgewachsen. „Die nichtjüdischen Bewohnerinnen und Bewohner, momentan sind das etwa 20 Prozent, sind Teil unserer großen Familie. Viele kennen sich schon mit unseren Festen und Feiern aus und fragen danach“, so die Pflegedienstleiterin.

Als Kontingentflüchtlinge werden Menschen bezeichnet, die von einem Staat aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen aus Krisengebieten aufgenommen werden, ohne dass sie einen Asylantrag stellen müssen. Der aufnehmende Staat legt die Zahl (Kontingent) der Menschen fest, die auf diesem Wege aufgenommen werden sollen. Sie können anschließend unter bestimmten Umständen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten. [1]
Ab 1991 konnten Jüdinnen und Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einreisen.

[1] Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Ein jüdisches Zuhause – wie sieht das aus?

In Niedersachsen ist das Jüdische Seniorenheim Hannover die einzige Einrichtung für pflegebedürftige Menschen, in der der Alltag nach jüdischer Tradition gestaltet wird. Eine Menora (Hebräisch für „Leuchter“; gemeint ist der jüdische Leuchter mit den sieben Armen, die für die sechs Tage der Schöpfung und den Schabbat als Ruhetag stehen) gehört hier ebenso zum Inventar wie die Mesusa. Diese findet sich an der Haus- und Wohnungstür vieler Jüdinnen und Juden. „Darin ist ein Gebet“, erklärt Yanovitzki. „Eine Mesusa hängt an jeder Zimmertür in unserem Haus und soll unsere Bewohnerinnen und Bewohner schützen.“ Auch ein Gebetsbecher, in den zu Schabbat der Gebetswein gefüllt wird, und ein Tuch, welches das Schabbat-Brot „Challa“ nach dem Gebet abdeckt, gehören dazu – ebenso wie die Thora

An einem Türrahmen hängt eine Mesusa.
Eine Mesusa am Türrahmen.
Ein Gebetsbecher für den Schabbat.
Ein Gebetsbecher für den Schabbat.

Die Seniorinnen und Senioren, die nach koscheren Gesetzen leben, besitzen zudem „getrenntes“ Geschirr. „Koscher zu leben bedeutet, dass milchige und fleischige Gerichte strickt voneinander getrennt werden“, erklärt Einrichtungsleiter Lars Helbsing. „Wir haben zwei Küchen, die räumlich voneinander getrennt sind: eine Milchküche und eine Fleischküche. Auch die Speiseausgaben sind getrennt. Und für jedes Gericht – je nachdem, ob milchig oder fleischig, gibt es auch das entsprechende Geschirr.“ Die Einhaltung der koscheren Speisevorschriften überwacht ein Rabbiner. „Es lebt aber nicht jeder koscher oder hat früher koscher gelebt“, ergänzt Maschah Yanovitzki. „Unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind natürlich frei, sie können auf ihren Zimmern alles essen – aber im Speisesaal und in der Küche halten wir die koscheren Speisevorschriften ein.“

Der jüdische Kerzenleuchter Menora mit sieben Armen.
Eine Menora, ein Kerzenleuchter mit sieben Armen.

Das Prinzip der „Zedaka“ (jüdisches Verständnis von Wohltätigkeit, das auch Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, im Interview erklärt hat) ist der Leitgedanke des Jüdischen Seniorenheims: „Wir möchten unsere Bewohnerinnen und Bewohner darin unterstützen, ihr Leben so selbstbestimmt und unabhängig wie möglich zu gestalten“, erklärt Yanovitzki. Lebendiges Judentum ist dabei stets ein freiwilliges Angebot an alle interessierten Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Jüdische Seniorenheim Hannover, ehemals Lola Fischel Haus, versteht sich als engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Es möchte ein Bindeglied sein zwischen seinen Bewohnerinnen und Bewohnern und der Gesellschaft – und gleichzeitig zum jüdischen Leben in Deutschland beitragen. Dies gelingt dank der Einbindung in zwei starke Institutionen: die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Die Angestellten sprechen Deutsch, Englisch und Russisch. Es wird dafür gesorgt, dass rund um die Uhr mindestens eine russischsprechende Person vor Ort ist. „Das ist insbesondere wichtig, wenn jemand dementiell erkrankt ist“, erklärt Lars Helbsing. „Der Mensch geht dann in seiner Entwicklung zurück und kann dann oft nur noch die Muttersprache, die bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern Russisch ist, sprechen.“

Dank einer Förderung von 285.000 Euro im Jahr 2012 durch die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk konnte das Jüdische Seniorenheim um ein weiteres Geschoss aufgestockt und fünf weitere Einzelzimmer geschaffen werden. Wir freuen uns, dass wir die Menschen vor Ort so langfristig unterstützen konnten!

 „Wir gehen nicht hypersensibel miteinander um“, sagt Yanovitzki, die seit 23 Jahren im Jüdischen Seniorenheim arbeitet. „Aber ein bisschen sensibler muss man schon sein: Hier leben zwar keine Holocaust-Überlebende mehr, aber Ghetto-Überlebende, die das als Kinder mitbekommen haben. Zum Beispiel ein Mann, der sich jedes Mal unter dem Bett versteckt, wenn jemand über unsere Lautsprecheranlage ausgerufen wird, weil er denkt, er wird im Ghetto abgeholt.“ Ein wichtiger Teil des Pflege- und Betreuungsangebotes ist daher auch die Biographiearbeit – und besondere Angebote für Menschen mit Demenz. „Wir feiern mit ihnen alle Feiertage, manchmal allerdings in etwas kleinerer Form“, so die Pflegedienstleiterin. Dann wird „Challa“ (das Schabbat-Brot) oder „Mazze“ (ungesäuertes Brot zum Pessachfest) gebacken oder jüdische Lieder gesungen. „Solidarität ist für mich Hilfe für diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind – und dabei ist es ganz wichtig, dass bei der Hilfe der Bewohner oder die Bewohnerin der handelnde Mensch bleibt. Sei er auch noch so pflegebedürftig: Er ist und bleibt der Handelnde und wir unterstützen ihn dabei“, unterstreicht Lars Helbsing.

Eine Apfelspalte wird in Honig getunkt.
Zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana isst man u.a. Apfel mit Honig.

Ein „süßes“ Neujahrsfest

Auch das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana, das in diesem Jahr vom 18.-20. September stattfindet, wird im Jüdischen Seniorenheim Hannover in Gemeinschaft begangen. Traditionell isst man am Neujahrstag unter anderem Apfel mit Honig – und wünscht sich symbolisch ein „süßes“ neues Jahr. Darüber hinaus wünscht sich Olga Karalnik, „dass alle gesund bleiben. Im Judentum ist das Leben das Wichtigste. Alle Gesetze sind nur gültig, wenn der Mensch gesund ist.“

„Wir wünschen uns Gesundheit für alle“, stimmt Maschah Yanovitzki zu. „Denn auf dieser Welt ist alles miteinander verbunden. Natürlich unterscheiden wir uns in Herkunft, Erziehung oder anderen Dingen. Doch jedes Leben ist wertvoll und soll erhalten bleiben. Deshalb sagt man bei uns auch L’chaim, wenn man trinkt. Das heißt: Aufs Leben!“

„Jüdisches Leben in Deutschland“ – unter diesem Motto steht unsere aktuelle Themenwoche. Vom 14.-20. September 2020 möchten wir auf unseren Social Media-Kanälen und in unserem Online-Magazin einen kleinen Einblick in das facettenreiche jüdische Leben in unserem Land geben.

Wir stellen nicht nur das Lola Fischel Haus vor, sondern haben auch die beiden jungen Jüdinnen Rosa und Karina im Rahmen des Begegnungsprojekts „Meet a Jew“ begleitet. Zu Beginn der Woche sprachen wir mit Aron Schuster, dem Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland – über Stigmatisierung, Inspiration und das, was selten thematisiert wird: Alltägliches. Wir trafen außerdem einen Deutsch-Israeli, der vor acht Jahren zurück nach Hamburg kam – in die Heimatstadt seiner Großmutter. Seitdem lebt und arbeitet der 38-Jährige dort, recherchiert in seiner Freizeit die Geschichte seiner Familie und erzählt davon in Rundgängen, die gleichzeitig Begegnungen und Gespräche ermöglichen. Das IGTV-Video findest du auf unserem Instagram-Kanal.

Und weil am 18. September 2020 das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana beginnt, haben wir einen Rabbi gebeten, uns etwas über die Feierlichkeiten und Traditionen des Fests zu erzählen – mehr dazu erfährst du am Freitag.

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